Das Wohnzimmer am Strand
Im heutigen Nordsee-Podcast „Teetied & Rosinenbrot“ nimmt euch Marlene mit an die Strände von Dornumersiel und Neßmersiel – in den Spätsommer, wenn die Luft noch mild ist und sich die Strandkorbreihen schon lichten. Im Mittelpunkt steht der Strandkorb: Schutz vor Wind und Sonne, Inbegriff des Nordsee-Sommers und jedes Jahr aufs Neue ein Stück Arbeit, bevor der Herbst ihn ins Winterquartier holt.
Deich, Sturm und ein Korb aus Rostock
Marlene erzählt, warum rund 400 Strandkörbe bis zum 30. September vom Strand müssen: Bei einer Sturmflut kann so ein Korb zur Gefahr für den Deich werden, und die Deichsicherheit hat Vorrang. Sie erklärt die Ausnahme für die Herbstferien, den Strandkorbalarm binnen sechs Stunden – und wie 1882 der Rostocker Hofkorbmachermeister Wilhelm Bartelmann für eine rheumakranke Dame den ersten Strandkorb baute, den seine Frau Elisabeth schon ein Jahr später am Leuchtturm von Warnemünde vermietete.
P.S.: Und wenn die Körbe fort sind, öffnet sich der Blick. Dann bleibt Wasser oder Watt, Himmel und Horizont.


Die ganze Episode zum Nachlesen:
Moin und herzlich willkommen bei einer neuen Folge von Teetied und Rosinenbrot, dem Podcast aus Dornum.
Der Spätsommer ist da, und das Wetter kann sich im Moment noch nicht so wirklich entscheiden, wo es denn nun hintendieren soll. Mal haben wir noch so richtig sommerliches, warmes T-Shirt-Wetter hier, aber einen Tag später bläst einem ein so strammer, kühler Wind entgegen. Das riecht dann schon richtig nach Herbst.
Am Strand der Nordsee
Aber im Moment ist die Luft noch mild, und die Sonne wärmt noch. An den Stränden von Dornumersiel und Neßmersiel genießen Einheimische und Gäste diese wunderbar stimmungsvollen, schönen Spätsommertage. Und wenn man jetzt am Strand entlanggeht, dann sieht man auch noch dieses ganz vertraute Bild: das Meer, den Himmel, diesen schier endlosen Horizont und Strandkörbe. Viele, viele Strandkörbe. Bunt durcheinander oder ordentlich in Reih und Glied aufgestellt. Und die warten auf Sonnenanbeter, auf Leseratten, auf Leute, die nur mal kurz die Füße hochlegen wollen. Wobei wir ja alle wissen: Nur mal kurz die Füße hochlegen, das bedeutet im Strandkorb meistens zwei Stunden nicht ansprechbar.
Aber genau damit ist es nun bald vorbei. Und schon jetzt kann der aufmerksame Strandbesucher beobachten, dass sich die Strandkorbreihen doch merklich lichten. Der eine oder andere Strandkorb verschwindet. Und irgendwann sind sie eben alle weg, abtransportiert ins Winterquartier. Spätestens dann weiß man: Der Herbst ist da.
Das Verschwinden der Strandkörbe
Und für mich schwingt da ehrlich gesagt auch immer so ein bisschen Wehmut mit. Denn so ein Strandkorb, der gehört für mich einfach zum Sommer an der Nordsee. Man sieht ihn und denkt sofort: Urlaub, Meer, Sonne, Wind. Und das wird nun bald für ungefähr ein halbes Jahr erst einmal vorbei sein.
Rund 400 Strandkörbe müssen bei uns abtransportiert und ins Winterquartier übersiedelt werden. Das ist übrigens ein Knochenjob. Denn so ein Strandkorb wiegt ungefähr 80 bis 100 Kilo. Und bevor sie ins Winterquartier kommen, müssen sie erst entsandet werden. Sie werden schon mal kontrolliert, repariert und sortiert. Die kleinen Schäden werden gleich behoben, und die größeren Schäden kommen auf die Reparaturliste für den Winter. Und manch alter Korb wird dann endgültig ausgemustert. Allerdings in der Regel nicht auf den Sperrmüll, sondern sie werden an Privatleute verkauft, die sie dann aufmöbeln. Denn unsere gemütlichen Strandsofas sind heiß begehrt bei Einheimischen und Urlaubsgästen. Und so landet dann mancher ausgemusterte Strandkorb irgendwann in einem Garten in Köln oder Gelsenkirchen oder sonst wo zwischen Rasen, Blumenbeet und Gartengrill. Der Strandkorb hat sich längst zum Gartenkult gemausert.
Und mancher Urlaubsgast fragt sich natürlich auch:
Warum machen die sich hier eigentlich jedes Jahr diese Arbeit mit ihren Strandkörben?
Im Herbst transportieren sie die alle ab, und im Frühjahr bauen sie sie alle wieder auf. Und das jedes Jahr. Das ist doch die reinste Sisyphusarbeit.
Stürme und Gefahren
Ganz einfach, weil die Nordsee keine Rücksicht auf unsere Strandkörbe nimmt. Wenn es nämlich im Herbst richtig stürmt, dann können die Körbe zu einer Gefahr für unsere Deiche werden. Stellt euch vor: So ein 100 Kilo schwerer Strandkorb wird von einer Welle bei einer Sturmflut mit voller Wucht gegen einen Deich geschleudert. Was das für Kräfte sind, das kann man sich gar nicht vorstellen. Und um dieses enorme Gefährdungspotenzial zu vermeiden, muss ein großer Teil der Strandkörbe laut gesetzlicher Vorgabe bis zum 30. September jeden Jahres von den Stränden entfernt sein. Denn die Deichsicherheit hat höchste Priorität.
Übrigens müssen nicht nur die Strandkörbe entfernt sein, sondern alle beweglichen Teile, also auch Papierkörbe, Container, Bänke, Strandduschen, Stranduhren und so weiter. Das betrifft also nicht nur die Strandkörbe. Aber bei den Strandkörben gibt es auch eine Ausnahme. Einige dürfen nämlich aufgrund einer deichrechtlichen Ausnahmegenehmigung während der Herbstferien im Oktober noch stehen bleiben. Allerdings nur eine begrenzte Anzahl. Und wir müssen sicherstellen, dass wir im Ernstfall innerhalb von sechs Stunden alle verbliebenen Körbe vom Strand entfernen können. Das bedeutet: Wenn der Wetterbericht Sturmflut sagt, dann schrillen bei unserem Bauhof, hier bei der Tourismus GmbH, alle Alarmglocken. Dann heißt es Strandkorbalarm. Und dann wird aus dem gemütlichen Urlaubsmöbel ein logistisches Großprojekt. Deshalb stehen im Oktober eben nicht mehr alle Strandkörbe am Strand.
Apropos Strandkorb: Wusstet ihr eigentlich, wie der Strandkorb erfunden wurde?
1882 beauftragte eine ältere Dame den Hofkorbmachermeister Wilhelm Bartelmann aus Rostock mit einer ganz besonderen Aufgabe. Sie wollte eine geschützte Sitzgelegenheit für den Strand, denn Wind und Sonne machten das längere Verweilen am Meer damals nicht unbedingt gemütlich. Und die alte Dame litt erheblich unter Rheuma, wollte aber trotzdem so gerne länger am Strand sein. Also musste etwas her, das gleichzeitig vor Wind und vor Sonne schützte. Bartelmann nahm die Herausforderung an und baute den ersten Strandkorb, der allerdings damals noch eher aussah wie ein Strandstuhl: ohne Liegefunktion, und man saß eben sehr aufrecht und steif darin. Aber daraus entwickelte sich allmählich der Strandkorb, wie wir ihn heute kennen. Ein Zweisitzer mit herausziehbarer Markise, herausziehbaren Fußstützen und ausklappbaren Seitentischen. Und damit eigentlich alles, was der Mensch braucht, um am Meer glücklich zu sein: eine Sitzgelegenheit, ein Dach, eine Fußstütze, ein Tisch und Meerblick. Na, das nenne ich doch Strandleben mit Komfort.
Allerdings war Wilhelm Bartelmann nicht allein für den Erfolg des Strandkorbs verantwortlich. Auch seine Frau Elisabeth spielte eine ganz entscheidende Rolle. Diese pfiffige Geschäftsfrau erkannte nämlich sehr schnell ein Problem. Als reiner Saisonartikel ließ sich so ein geflochtener Strandkorb nur sehr, sehr schwer verkaufen. Aber vermieten? Das müsste doch eine hervorragende Idee sein. Bereits im Sommer 1883 bot sie deshalb in der Nähe des Leuchtturms von Warnemünde die ersten Strandkörbe zur Vermietung an. Und damit war ein ganz neuer Geschäftszweig hier an der Küste geboren, der sich dann auch rasant überall an Nord- und Ostsee verbreitete. Und das sorgte dann erst recht für den Siegeszug des Strandkorbs.
Die Magie des Spätsommers in Dornum
Und auch wenn nun bald Sommer und Strandkörbe sich erst einmal hier für eine Weile verabschieden und mich das, wie ich eingangs sagte, immer etwas wehmütig stimmt, dann freue ich mich doch auch ein bisschen auf diese schönen Strandspaziergänge im Herbst und Winter. Denn diese leere, unmöblierte Zeit hat, ich muss es ja zugeben, auch ihren ganz besonderen Reiz. Wenn keine Strandkörbe mehr den Blick unterbrechen, kann man diese Weite bei uns ganz anders erleben. Man schaut über den Strand hinaus aufs Meer, und da ist wirklich nichts außer Wasser oder Watt, Himmel und Horizont. Und manchmal ist genau das ja genug.
Im Frühling und Sommer genießen wir den Strandkorb: windgeschützt, gemütlich, wir lesen, wir dösen, schauen aufs Meer. Und im Herbst und Winter genießen wir die Freiheit, den weiten Blick, den Himmel, Wolken und Wind. Beides gehört zur Nordsee. Der Strandkorb und der leere Strand. Und vielleicht macht genau dieser Wechsel ja auch den Zauber unserer Küste aus.
Tschüss, bet de anner Mal, eure Marlene aus Dornum.





