Ostfriesenwitze – Zwischen Spott und Selbstironie

Was ist Ostfriesenhumor?

Im heutigen Nordsee-Podcast „Teetied & Rosinenbrot“ nimmt euch Marlene mit auf eine persönliche und zugleich historische Spurensuche: Woher kommen eigentlich die berühmten Ostfriesenwitze? Warum traf es ausgerechnet Ostfriesland – und weshalb waren diese Witze für viele Menschen hier lange alles andere als lustig?

Vom Ammerland zu Otto Walkes

Marlene erzählt dir von den Anfängen in einer Schülerzeitung im Ammerland, vom Siegeszug der Witze in Radio und Fernsehen und von den Klischees, die durch Otto Walkes noch berühmter wurden. Gleichzeitig zeigt sie, warum Ostfriesland lange als eigenwillige, abgeschlossene Region wahrgenommen wurde – mit eigener Sprache, eigenen Namen, eigenem Humor und einer besonderen Geschichte der Freiheit.

Zugvögel im Wattenmeer und der Nordsee
Grünkohl das Nationalgericht der Ostfriesen

Die ganze Episode zum Nachlesen:

Moin und herzlich willkommen bei einer neuen Folge von Teetied und Rosinenbrot, dem Podcast aus Dornum.

Ich habe lange mit mir gerungen, ob ich das heutige Thema überhaupt aufgreifen soll.
Aber schlussendlich muss ich zugeben: Irgendwie gehören sie auch zur ostfriesischen Kultur dazu – unsere Ostfriesenwitze, auch wenn sie heute längst nicht mehr aktuell sind.

Ihre Hochzeit hatten die Ostfriesenwitze in den 1970er-Jahren, genauer gesagt Anfang der Siebziger.
Mich persönlich haben diese dämlichen Witze immer total genervt. Denn wenn man irgendwo zu Besuch war und dann auch noch die einzige Ostfriesin in der Runde, kam unweigerlich die Frage:
„Oh, du kommst aus Ostfriesland? Kennst du den schon?“ – und dann ging es los.

Klassiker des flachen Humors

Zum Beispiel:
Warum holen die Ostfriesen immer so viel Schlick aus dem Meer?
Na, sie wollen daraus elektrischen Strom machen, sobald sie ein Kilowatt beisammen haben.

Oder:

Warum ist in Ostfriesland die Luft immer so frisch?
Weil die Ostfriesen nie die Fenster aufmachen.

Und den finde ich besonders schlimm:

Wie nennt man das, wenn ein Ostfriese eine Kopfschmerztablette schluckt?
Hohlraumversiegelung.

Ja – das ist in ihrer ganzen Schlichtheit der typische Ostfriesenwitz.
Immer nach dem gleichen Muster: einfache Frage, einfache Antwort.
Das Niveau – ihr habt es gehört – sehr flach. Irgendjemand sagte mal treffend: weit unter dem Meeresspiegel.

Klischees vom platten Land

Diese Witze bedienten ein bestimmtes Bild: das platte Land, grasende Schafe auf dem Deich, behäbige, etwas hinterwäldlerische Menschen, die den ganzen Tag Tee trinken.

Ein überheblicher Spott – aber meist nicht böse gemeint. Die Leute fanden es einfach lustig, und so haben wir Ostfriesen in so mancher Runde unfreiwillig zur Erheiterung beigetragen.

Woher kommen die Ostfriesenwitze?

Die Entstehung der Ostfriesenwitze ist erstaunlich gut dokumentiert.
Es hieß sogar lange, wir Ostfriesen hätten sie selbst erfunden – und ganz falsch ist das nicht.

Der Ursprung liegt in einer regionalen Konkurrenz zwischen Ostfriesland und dem benachbarten Ammerland, nordwestlich von Oldenburg gelegen. Beide Regionen gehören zur friesischen Halbinsel, sind aber historisch und administrativ getrennt. Das Ammerland ist eine eigenständige oldenburgische Region.

Diese Kabbeleien haben einen historischen Kern. In der Nähe von Westerstede, der Kreisstadt des Ammerlands, erinnert ein Denkmal an eine frühere Fehde zwischen Ammerländern und Ostfriesen. Aus dieser alten Rivalität entwickelten sich über die Jahrhunderte gegenseitige Spötteleien.

Die Geburtsstunde: eine Schülerzeitung

Der konkrete Anfang der Ostfriesenwitze liegt am Gymnasium in Westerstede. Dort erschien eine Schülerzeitung mit einer Rubrik „Aus Forschung und Lehre“.

In dieser stellte der Schüler Borwin Bandelow den angeblichen Homo ostfriesiensis vor.

Der Text begann etwa so:

„In einem noch wenig erforschten Teil Ostfrieslands entdeckten wagemutige Forscher bisher unbekannte Lebewesen …“

Hier wurden Ostfriesen als eine Art Neandertaler Deutschlands beschrieben – einfältig, grobschlächtig, tölpelhaft.
Noch keine Witze im eigentlichen Sinne, eher boshafte Beschreibungen.

In einer späteren Ausgabe wurde das Ganze weiter zugespitzt:
Es hieß, von der „Autonomen Volksrepublik Ostfriesland“ sei eine Klage gegen Borwin Bandelow angestrengt worden.

Von Schülerhumor zum Massenwitz

Aus diesem erfundenen Konflikt entwickelten sich schließlich die Ostfriesenwitze.
Vorlagen gab es bereits: In den 1960er-Jahren waren in den USA die Polenwitze populär – sie dienten als Blaupause.

Viele Witze wurden einfach angepasst:
Man ersetzte den Kaffee durch Tee – und schon war der Ostfriesenwitz fertig.

Zum Beispiel:
Warum machen Ostfriesen nur eine Viertelstunde Teepause?
Weil man sie sonst wieder neu zur Arbeit anlernen müsste.

Ab etwa 1970 griffen auch Radiomoderatoren des NDR diese Witze auf:

Zwei Ostfriesen sitzen bei der Flutkatastrophe auf einem Hausdach.
Sagt der eine: „Sieh mal, da schwimmt eine Mütze.“
Sagt der andere: „Das ist keine Mütze, das ist Harm Jansen. Der mäht bei jedem Wetter.“

Oder:
Warum fliegen die Möwen in Ostfriesland auf dem Rücken?
Weil sie das Elend da unten nicht mehr sehen können.

Proteste und Wandel

Irgendwann landeten die Ostfriesenwitze sogar im Fernsehen.
Und da hörte für viele Ostfriesen der Spaß auf.

Es gab Proteste. Die Witze wurden als geschmacklos, herabsetzend, aggressiv und geistig primitiv bezeichnet – „von einer Struktur, die selbst der Dümmste versteht“.

Diese Proteste zeigten Wirkung. Die Witze verschwanden nicht – wurden aber anonymer:

Warum haben wir hier oben im Norden so flache Hinterköpfe?
Weil uns beim Trinken immer der Klodeckel auf den Kopf fällt.

Warum gerade Ostfriesland?

Ich habe mich gefragt: Warum eigentlich wir?
Nicht, weil wir einfältige Dorftrottel wären – sondern aus ganz anderen Gründen.

Ostfriesland wirkte lange ungewöhnlich einheitlich:

  • bäuerlich und ländlich
  • hoher Teekonsum – pro Kopf rund zehnmal so viel wie im Bundesdurchschnitt
  • friesische Vornamen wie Geeske, Onno, Ebba oder Tammo
  • Plattdeutsch im Alltag
  • eigene Bräuche, eigene Sitten
  • gegenüber Fremden eher zurückhaltend

Schon vor der Witzwelle wurden Ostfriesen in niederdeutschen Volksstücken als leicht verschrobene Figuren dargestellt – ein bisschen komisch, aber nicht böse.

Historischer Hintergrund: Freiheit und Abgrenzung

Dafür gibt es einen historischen Grund. Ostfriesland hat sich lange gegen äußere Einflüsse gewehrt: gegen Napoleon, gegen den dänischen König.

Und im Mittelalter gab es hier die Friesische Freiheit – ein einzigartiges Gesellschaftsmodell, das auf Gleichheit und Selbstbestimmung beruhte, während weite Teile Europas unter feudaler Herrschaft standen.

Das konnte auch deshalb entstehen, weil Ostfriesland geografisch abgeschieden lag – am Wattenmeer und an der Grenze zu den Niederlanden.

Ostfriesland als gallisches Dorf

Wir hatten also immer eine gewisse Sonderstellung.
Fast wie ein gallisches Dorf.
Ostfriesland als gallisches Dorf – das ist doch eigentlich eine ziemlich schöne Vorstellung.

Aber haben wir Ostfriesen überhaupt Humor?
Natürlich. Den mussten wir lernen. Es blieb uns ja nichts anderes übrig.

Das gallische Dorf Ostfriesland und seine Ostfriesenwitze

Selbstironie, Werbung und Otto

Mit der Zeit arrangierten wir uns mit den Witzen.
Wir reagierten gelassen, oft mit Selbstironie.

Denn niemand glaubte ernsthaft, wir seien so einfältig wie in den Witzen dargestellt.
Und wir schlugen sogar Kapital daraus: Die Witze machten Ostfriesland bekannt.
Sie waren kostenlose Werbung – und der Tourismus profitierte davon.

Sogar das Wort friesisch wurde zum Werbeträger.
Und wir übten Rache – mit vier Buchstaben: Otto.

Der Komiker Otto Waalkes aus Emden bewies eindrucksvoll, dass Ostfriesen Humor haben – und baute seine Karriere genau auf diesen Klischees auf.

Zum Beispiel mit diesem Witz:
Die Ostfriesen spielen gegen die Bayern Fußball.
Ein Zug fährt vorbei und pfeift.
Die Ostfriesen denken, das Spiel ist zu Ende, und gehen nach Hause.
Eine halbe Stunde später fällt das erste Tor für die Bayern.

Halt! Einen habe ich noch:
Wie bringt man einen Ostfriesen am Heiligabend zum Lachen?
Man erzählt ihm am zweiten Advent einen guten Witz.

Tschüss.
Eure Marlene aus Dornum.

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