Die Häuptlingsgruft in Dornum

Hinab in die Gruft

Im heutigen Nordsee-Podcast „Teetied & Rosinenbrot“ nimmt euch Marlene mit an einen besonderen Ort im historischen Ortskern von Dornum: hinab in die Häuptlingsgruft der St.-Bartholomäuskirche. Unter dem Altarraum der mittelalterlichen Kirche verbirgt sich ein kulturhistorischer Schatz, der lange Zeit fast vergessen war.

Zwischen barocken Särgen, alten Grabplatten und den Spuren mächtiger Dornumer Häuptlingsgeschlechter erzählt Marlene von Bestattungskultur, Familiengeschichte und einer aufwendigen Restaurierung, die der Gruft ihre Würde zurückgegeben hat.

Unter der Kirche

Die Häuptlingsgruft zeigt, wie eng Macht, Glaube und Erinnerung in Dornum miteinander verbunden waren. Wer heute die Treppe hinabsteigt und durch die Glaswand in die Gruft schaut, blickt nicht nur auf alte Särge, sondern auf ein Stück ostfriesischer Geschichte.

Und danach lohnt sich der Blick zurück in den Kirchenraum: Denn auch dort erzählen Grabplatten, Totenschilder und die reiche Ausstattung der St.-Bartholomäuskirche von den Familien, die Dornum über Jahrhunderte geprägt haben.

Zugvögel im Wattenmeer und der Nordsee
Grünkohl das Nationalgericht der Ostfriesen

Die ganze Episode zum Nachlesen:

Moin und herzlich willkommen bei einer neuen Folge von Teetied und Rosinenbrot, dem Podcast aus Dornum.

Heute steigen wir hinab – Stufe für Stufe, tiefer und tiefer – in einen ganz besonderen Keller: in die Häuptlingsgruft der St.-Bartholomäuskirche in Dornum.

Die mittelalterliche Kirche liegt im historischen Ortskern von Dornum auf einer rund acht Meter hohen Warft. Und sie ist auch ohne Gruft schon einen Besuch wert: wegen ihrer reichen Innenausstattung, der prächtigen Emporen, der Kanzel, der Grabplatten und natürlich wegen der berühmten Gerhard-von-Holy-Orgel.

Aber heute geht es in erster Linie um die Gruft, die sich unter dem Altarraum der Kirche befindet.

Das „Who is who“ der Dornumer Häuptlingsgeschlechter

Hier – und eigentlich im gesamten Kirchenraum – ließ sich im Mittelalter und in der frühen Neuzeit das Who is who der Dornumer Häuptlingsgeschlechter bestatten.

Damals wurde es üblich, dass sich Häuptlingsfamilien, aber auch Familien, die bedeutende Stiftungen für die Kirche geleistet hatten, in ihrer Kirche begraben ließen.

Die Gruft in Dornum diente vor allem Angehörigen der Herrschaftsfamilie von Closter als Grabstätte. Die Familie von Closter residierte über 200 Jahre in Dornum – auf der Norderburg, dem heutigen Wasserschloss.

Einer der bedeutendsten Vertreter war Haro Joachim von Closter. Er war maßgeblich für die reiche Ausstattung der St.-Bartholomäuskirche verantwortlich. Und er war auch derjenige, der die Norderburg zum prächtigen barocken Wasserschloss ausbauen ließ.

Ein kulturhistorischer Schatz unter dem Altarraum

Die Gruft in Dornum misst etwa 9,5 mal 10,5 Meter. Sie wurde ab 2010 beziehungsweise im Rahmen der Restaurierungs- und Forschungsarbeiten um 2011 wiederhergerichtet.

An dem Projekt waren Fachleute aus Anthropologie, Archäologie, Restaurierung und Kunstgeschichte beteiligt. Denn die Gruft bot zum ersten Mal die Möglichkeit, beispielhaft und als Vorreiter für andere Grüfte die Bestattungskultur der damaligen Zeit wissenschaftlich zu untersuchen.

Das war ein einzigartiges Projekt – und deshalb ist die Dornumer Häuptlingsgruft bis heute eine besondere kulturhistorische Stätte in Ostfriesland.

Häuptlingsgruft der St.-Bartholomäuskirche in Dornum

Vergessen unter der Kirche

ADass man in Dornum so einen einzigartigen kulturhistorischen Schatz hatte, wurde jahrzehntelang kaum wahrgenommen.

Viele ältere Dornumer wussten zwar noch, dass sich unter dem Altarraum eine Gruft befand. Aber ein Dornumer Bürger, der sie noch aus Kindertagen kannte, erzählte später sinngemäß: Dort sah es aus wie bei Hempels unterm Sofa.

Es war ein einziges Kuddelmuddel aus Spinnweben, Staub und Schimmel. Schimmel vor allem deshalb, weil man irgendwann die Belüftungsschächte zugeschüttet hatte.

Die Särge waren zerbrochen, die Bestattungen beschädigt – und das Ganze bot einen schrecklichen Anblick.

Häuptlingsgruft der St.-Bartholomäuskirche in Dornum


Ein Schutzraum im Zweiten Weltkrieg

Die Zerstörungen gingen vermutlich auch auf einen Umzug der Särge während des Zweiten Weltkriegs zurück.

Damals brauchte man einen Schutzraum für die Schulkinder. Die Schule befand sich direkt neben der Kirche, und so bot sich die alte Gruft als Schutzraum an.

Also stapelte man die Särge kurzerhand auf einen Holzkarren, um sie im Keller der Norderburg unterzubringen.

Bei diesem Transport rutschten einige der teils übereinandergestapelten Särge vom Karren und polterten auf die Straße. Manche Särge zerbrachen, und die Knochen der Verstorbenen verteilten sich auf der Straße.

Das war nicht nur skurril, sondern für die Beteiligten natürlich auch heikel. Denn wer wusste schon, was es nach sich ziehen würde, wenn jemand diesen Anblick bemerkte?

Also sammelte man die Knochen schnell wieder ein und legte sie in die noch halbwegs erhaltenen Särge. Dabei konnten die Gebeine natürlich nicht mehr eindeutig den einzelnen Särgen zugeordnet werden.

So lief das damals eben.

Rückkehr in die Gruft

Die Särge blieben anschließend viele Jahre im Keller der Norderburg, bis sie irgendwann wieder in die Gruft gebracht wurden.

Doch auch dort gerieten sie erneut über lange Zeit in Vergessenheit – bis die Restaurierung begann.

Die Arbeiten dauerten rund zwei Jahre. In dieser Zeit wurden die Särge konserviert, die erhaltenen Bestattungsteile geordnet und die Gebeine pietätvoll rückbestattet. Anschließend wurden auch die Wände der Gruft wiederhergestellt.

Nach der Rückführung der Särge und der würdevollen Rückbestattung erhielt die Gruft ihre Würde zurück.

Blick durch die Glaswand

Beim Blaudruck entsteht durch eine spezielle Drucktechnik ein weißes Muster auf blauem Grund – in aufwendiger Wenn ihr heute in der Kirche am Altarraum die Treppe hinuntersteigt, gelangt ihr in den Vorraum der Gruft.

Die Gruft selbst ist nicht begehbar. Aber durch eine Glaswand könnt ihr hineinschauen und die rekonstruierten Särge sehen.

Bei der Restaurierung konnten 28 Individuen unterschieden werden. Ursprünglich sollen mindestens zwölf Särge in der Gruft gestanden haben. Acht von ihnen konnten rekonstruiert und wiederhergestellt werden.

Barocke Särge aus schwerem Holz

Diese Särge sind typische barocke Trapezgiebeldeckelsärge. Sie bestehen aus einem Innen- und einem Außensarg, die nahezu die gleiche Form haben.

Die Außensärge bestehen aus kräftigem Eichenholz, die Innensärge aus Weichholz. Die Beschläge sind aus Eisen.

Die Särge müssen unglaublich schwer gewesen sein. Üblicherweise sind die Holzbretter etwa drei Zentimeter dick. Bei einem Sarg wurden sogar Planken von bis zu acht Zentimetern Stärke verwendet.

Zwei der acht Särge sind schlicht und unverziert. Andere sind mit aufwendigen Bemalungen, Ornamenten und Inschriften versehen. Besonders eindrucksvoll sind die beiden Kindersärge.

Der Sarg der Eberhardina Juliana Louisa von Closter

Einer der Kindersärge gehörte Eberhardina Juliana Louisa von Closter. Sie starb noch als Säugling.

Ihr Sarg wurde aufwendig und liebevoll gestaltet – mit bemalten Inschriften und Familienwappen.

Die Inschrift lautet sinngemäß:

Anno 1711, den 2. Dezember, ist geboren Eberhardina Juliana Louisa von Closter, Freifräulein von Dornum und Petkum, gestorben den 1. September 1712.

Dazu steht ein Bibelwort:

Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt kurze Zeit und ist voll Unruhe, geht auf wie eine Blume und fällt ab, flieht wie ein Schatten und bleibt nicht.

Der Sarg der Otilia Dorothea von Closter

Der zweite Kindersarg gehörte Otilia Dorothea von Closter. Sie wurde 1663 geboren und starb 1666, also im Alter von zweieinhalb Jahren.

Dieser Sarg zeigt besonders eindrucksvoll, wie sich die Trauer um ein kleines Kind in einer sehr aufwendigen Sarggestaltung niederschlug.

Er wurde nahezu flächendeckend mit einer Beschriftung aus über 7.900 eisernen Rundkopfnägeln verziert. Ähnliche Beispiele barocker Särge sind zwar aus Berlin bekannt, dort wurden die Nägel aber wesentlich sparsamer eingesetzt.

Grabplatten, Grabkeller und Totenschilder

Wenn ihr aus der Gruft wieder die Treppe hinaufsteigt und euch noch ein wenig in der Kirche umschaut, entdeckt ihr im Kirchenraum weitere Grabplatten Dornumer Häuptlingsgeschlechter.

Diese Grabplatten deckten ursprünglich Erdgräber und Grabkeller im Inneren der Kirche ab.

Als vor Jahren im Mittelgang Steine entfernt wurden, um Heizungsrohre zu verlegen, stieß man dort ebenfalls auf einzelne Grabparzellen mit Särgen. Diese ließ man jedoch an Ort und Stelle.

Eine weitere Besonderheit der St.-Bartholomäuskirche sind die 17 erhaltenen Totenschilder der Häuptlingsfamilien aus der Zeit von 1634 bis 1752.

Das sind etwa einen mal einen Meter große hölzerne Schilde, bemalt mit Wappen und Texten.

Repräsentation über den Tod hinaus

In der St.-Bartholomäuskirche lässt sich sehr gut erkennen, wie wichtig es den Häuptlingsfamilien war, sich auch über den Tod hinaus zu repräsentieren.

Hier bündelt sich das jahrhundertealte Andenken der Dornumer Häuptlingsgeschlechter.

Hier sind sie vereint: die mächtigen Familien, die Dornum über Generationen geprägt haben.

Besuch der St.-Bartholomäuskirche

Wenn ihr die Kirche besuchen möchtet, ist das in der Regel von Ostern bis Ende Oktober möglich.

Die Öffnungszeiten können sich ändern. Zuletzt wurden für die Saison genannt:

Montag bis Donnerstag: 14 bis 17 Uhr
Freitag: 14 bis 16 Uhr
Sonntag im Anschluss an den Gottesdienst: etwa 11 bis 16 Uhr

Schaut sicherheitshalber vor eurem Besuch auf dornum.de nach oder erkundigt euch in den Touristinfos in Dornumersiel und Neßmersiel.

Und damit sage ich tschüss für heute – mit Anne Mool.

Eure Marlene aus Dornum.

Der Nordsee Podcast aus Dornum

Abonniere den Podcast:

Der Alexa Skill aus Dornum

Mehr Podcasts für dich: